Der Geschmack von Rost und Knochen

Plakat

Originaltitel: De Roullie et d’Os

Laufzeit: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Hauptdarsteller: Marion Cotillard, Matthias Schoenaerts, Armand Verdure

Regie: Jacques Audiard

Ab dem 10. Januar 2013 in den deutschen Kinos.

 

Der Box-Kampf begeisterte Ali (Matthias Schoenaerts) schlägt sich mit seinem fünfjährigen Sohn (Armand Verdure) geradeso durchs Leben. Die attraktive Stéphanie (Marion Cotillard) hingegen arbeitet als Orca-Trainerin in einer Wal-Show. Abends versucht sie, in lauten Discos ihre emotionale Leere zu vergessen. Eines Nachts kreuzen sich zufällig Alis und Stéphanies Wege. In einem Nachtclub, bei dem Ali als Türsteher arbeitet, gerät Stéphanie in eine Auseinandersetzung. Er kümmert sich um die verletzte Stéphanie und gibt der Widerwilligen seine Nummer. Als Stéphanie eines Tages bei einem Arbeitsunfall ihre Unterschenkel verliert, nimmt sie mit Ali plötzlich wieder Kontakt auf. Und während sich bei durch ihre Schicksale kämpfen, entsteht zwischen beiden allmählich eine außergewöhnliche Beziehung.

 

Szenenbild 1 (Foto: Wild Bunch Film Verleih)

 

Anders als der recht gefühlsselige Trailer vermuten lässt, geht es nicht um großes Herzzerreißen oder eine zu tiefst romantische Liebesgeschichte. Da ist ein Typ, der sich durchs Leben schlägt und seinen fünfjährigen Sohn mal mehr mal weniger mitschleift und ihn nicht immer wie ein guter Vater behandelt. Emotional unbeholfen, unkompliziert und triebgesteuert. Keine Kohle, kein Plan. Und da ist diese Frau. Kalt, abgeklärt, gelangweilt und irgendwie innerlich zerrissen. Beide sind völlig verschieden und doch hinterlässt die flüchtige Begegnung Spuren. Der Ursprung der dann entstehenden Beziehung bleibt unklar. Alis grobschlächtige und kompromisslose Art verschont Stéphanie mit dem gefürchteten notorischen Mitleid und reißt sie mit hinaus – raus aus dem Rollstuhl, zurück ins kühle Nass, ins Leben.

Freundschaft mit Sex, der als simpler körperlicher Gefallen und Trostspender begann, entwickelt sich zu einer tiefen Verbundenheit, die ihres Gleichen sucht. Dabei verleiht Regisseur Jacques Audiard dem Ganzen Authentizität, indem er vor filmischen Tabus nicht zurückschreckt: Sex einer körperlich Behinderten ist nur selten in Filmen zu sehen – und dazu noch auf so vollkommen unbeschnittene Art und Weise. Auch die Nacktszenen haben mehr mit der Realität gemein als es viele andere Filme so oft vorgaukeln. Dadurch, dass Audiard diese unverkrampften intimen Momente der Zweisamkeit ebenso unverkrampft zeigt, erschafft er ein Beziehungsbild, das nah am Leben ist.

 

Szenenbild 2 (Foto: Wild Bunch Film Verleih)

 

Diese bewegende Geschichte lebt neben dem körnigen Bild und der starken Lichtarbeit vor allem von den beeindruckenden Hauptdarstellern. Marion Cotillard verkörpert die unnahbare und schicksalsgebeutelte Stéphanie auf eine unglaublich intensive und unstereotype Weise. Dabei unterstützt die Regisseursarbeit ihre Wirkung. Beispielsweise als Stépanie von ihrer Amputation erfährt. Statt den Moment groß zu inszenieren, kann sich Cotillard schauspielerisch ganz entfaltet, ohne dass zu dick aufgetragen wird. Doch auch Matthias Schoenaerts überzeugt als körperbetonter Amateurboxer, der weniger seinen Sohn, sondern vor allem Sport und Sex im Kopf hat. Er bildet einen schnell entnervten, wenig kommunikativen und mimisch eindimensionalen unbeholfenen Vater ab, der, statt rumzuquatschen, anpackt. Cotillard und Schoenaerts erschaffen eine wirklichkeitsnahe Beziehung, die sich der fiktiven Kinoleinwand zu entreißen scheint, sodass der Eindruck entsteht: Ja, irgendwo da draußen gibt es die beiden und ihre Lebensgeschichte wirklich.

 

Szenenbild 3 (Foto: Wild Bunch Film Verleih)

 

Fazit:

„Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist anders als bisherige Dramen mit obligatorischer Liebesgeschichte. Er ist nah am Leben, authentisch und unglaublich bewegend. Er biedert nicht an und bahnt sich nur langsam den Weg zum Publikum, was einen Einstieg allerdings lange Zeit erschwert. Aber wenn er einmal angekommen ist, dann bleibt er. Nachhaltig. 8/10 Punkten.

 

 

Über den Author:

Sophiawenn sich die gebürtige und nach wie vor Heimatstadt verliebte Leipzigerin nicht gerade als freie Journalistin, Lektorin und Sprecherin durch den Medien-Dschungel schlägt, ist ihre Stimme vor allem in Kulturradios zu hören – dabei kann sie allerdings nie die Finger von Filmen lassen.Zeige alle Artikel von Sophia →

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