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BLAME!

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Originaltitel: BLAME!

Laufzeit: 106 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Deutsche Sprecher: Marc Bluhm, Ozan Ünal, Melanie Hinze, Magdalena Turba, Amadeus Strobl, Julius Jellinek, Julien Haggége, Daniela Molina, Alice Bauer, Bernd Egger, Patrick Keller, Giuliana Jakobeit

Regie: Hiroyuki Seshita

Im Verleih von Universum Anime.

Ab dem 23. Februar auf allen gängigen Heimkino-Formaten.

Wir schrieben das Jahr… Hm. So wirklich wird uns das tatsächlich gar nicht mitgeteilt. Und eigentlich ist es auch egal, denn die menschliche Zivilisation, so wie wir sie uns auch nur ansatzweise vorstellen können, ist seit Jahrtausenden zerfallen. Und das, was wir von unserer guten, alten Erde kannten, ist ebenfalls unwiederbringlich weg. Stattdessen gibt es nun die „Megastruktur“, eine endlose Stadt, ein weltumspannender Komplex aus Stahl und Beton, erbaut und, einem Krebsgeschwür gleich, ständig unkontrolliert erweitert von titanenhaften Robotern, die schlicht die „Konstrukteure“ genannt werden. Menschen gibt es zwar auch noch, aber die befinden sich in ständiger Angst vor einer Instanz namens „Schutzwehr“, die mit ihren als „Vertilger“ bekannten Killerrobotern Jagd auf alles Menschliche macht. In dieser kalten und in nicht geringem Maße trostlosen Welt bekommen wir ein kleines Häuflein Menschen vorgestellt, nicht mehr als ein Dorf von 150 Seelen, die sich schlicht als „Elektrofischer“ bezeichnen und zwischen Metall und Stahlbeton nach nahrhaftem Schlamm suchen, um irgendwie über die Runden zu kommen. Immerhin: Aus Gründen, die seit Generationen verschütt liegen, befindet sich das Dorf in einer Zone jenseits des Zugriffs der Schutzwehr, und so leben unsere lieben Elektrofischer in zwar arg einfachen Verhältnissen (denn wer futtert schon gerne Matsch?), aber doch immerhin in wohliger Sicherheit. Zumindest bis eine Gruppe junger Jäger auf einer nicht ganz erlaubten Exkursion zur Ergründung neuer Schlammvorkommen auf einen einsamen Wanderer mit dem etwas unfreiwillig niedlichen Namen Killy trifft. Killy, ernsthaft und schweigsam, kommt nach eigenen Angaben von tief unten (unbeschreibliche 6000 Ebenen!) und ist auf der Suche nach etwas, das die Menschheit retten könnte. Und er setzt mit seinen ersten Schritten in das (im Vergleich zum Rest der uns gezeigten Welt doch irgendwie ziemlich beschauliche) Dorf unvorhersehbare Dinge in Gang. Eine Wissenschaftlerin namens Cibo (derzeit im Körper eines kaum noch funktionstüchtigen Androiden) erwacht aus zweitausendjährigem Dornröschenschlaf, Generationen alte Fragen werden geklärt, fast unermessliche Reichtümer werden gefunden, brutaler Verrat wird begangen, und am Ende wird sich für unsere armen Elektrofischer so ziemlich alles ändern müssen.

Szenenbild 1

Es ist schier atemberaubend, was für eine Welt Tsutomu Nihei für seinen Manga „BLAME!“ da erschaffen hat. Jahrtausende in der Zukunft, mit praktisch nichts anderem vergleichbar, malte er eine düstere ferne Zukunft in den Ruinen einer einst scheinbar prachtvollen Zivilisation, die plötzlich (durch einen Virus) alle Kontrolle über die eigene Technologie verlor und daran zerbrach. „BLAME!“, das ist die Welt Jahrtausende nach einer Cyberpunk-Apokalypse.

Und der vorliegende Anime setzt diese Welt so wundervoll in Szene, wie sie es nur verdient hat. Weite Landschaften und enge Korridore, stets im Grau von Stahl und Beton, mal getüncht in ein fahles Blau, dass von fern zu leuchten scheint (woher auch immer in dieser Welt das Licht kommt), mal getaucht in das Rot glühenden Metalls (wenn Killy mal wieder etwas mit seiner krassen Mega-Wumme zerlegt hat). Hin und wieder auch das kräftige LED-Leuchten alter Apparaturen (meisten ist es blau). Einzig das Dorf der Elektrofischer sorgt in der ersten Hälfte des Films für eine Erweiterung der Farbpalette: Selten waren Braun- und Orangetöne so heimelig wie hier. Passend dazu erschafft der Score des Filmes eine Klangkulisse aus sphärischen Klängen und oftmals wunderbar simplen Melodien, die wie eine stete Anspannung in der Luft zu schwirren scheint, um dann hin und wieder in tatsächliche Dramatik auszubrechen. Hintergründe und Atmosphäre sind klar die größte Stärke von „BLAME!“

Szenenbild 2

Was nicht heißt, dass die Vordergrundzeichnungen, Charakterdesign und Handlung nur fades Beiwerk wären. Allerdings, man merkt schon, wo hier die Prioritäten lagen. So schön stimmig und atmosphärisch zum Beispiel jeder einzelne Hintergrund gezeichnet wurde (hier lohnt sich auf jeden Fall die Blu-ray!), so günstig gelöst sind manche Bewegungsanimationen. Und auch wenn die Bewohner des Elektrofischer-Dorfes allesamt gelungen und glaubwürdig menschlich sind, sodass man gerne mit ihnen mitfiebert, so entstammen der wortkarge Wanderer Killy und die kühle Wissenschaftlerin Cibo doch ein bisschen sehr dem Standardbaukasten für Cyberpunk-Animefiguren. Klar, es gibt schlimmeres, und gerade Cibo ist nichtsdestotrotz ausreichend faszinierend (und auch das richtige bisschen sexy) geraten, was durchaus auch ihrer tollen deutschen Sprecherin Melanie Hinzu anzurechnen ist. Bei Killy hingegen hätte man durchaus eine Kelle weniger von der „Ich bin rätselhaft“-Soße dazugeben können. Und hier setzt der deutsche Sprecher, Ozan Ünal, dann leider auch noch einen drauf und greift ganz tief in die Klischeekiste dauerhaft bedeutungsschwerer Intonation. Da ist es schon manchmal nicht ganz so leicht, als Zuschauer gebührend ernst zu bleiben. Ansonsten jedoch ist die Lokalisierung glücklicherweise über jede Kritik erhaben.

Die Handlung schließlich ist angenehm ruhig im Aufbau und ziemlich gewieft in ihrer Umsetzung: Statt dem arg einsilbigen Killy folgen wir von Anfang bis Ende den deutlich greifbareren Dorfbewohnern. Womit wir erstens einen deutlich besseren Einstieg in die Geschichte bekommen (denn auch die Elektrofischer haben nur sehr wenig Ahnung von der Welt um sie herum) und man zweitens immer das wunderbare in die Geschichte passende, cyberpunk-typische Gefühl hat, dass im Hintergrund Mächte am Werk zu sein scheinen, gegen die man als Normalsterblicher nur wenig ausrichten kann. Einzig gegen Ende hin wendet sich die Handlung ein bisschen arg brutal gegen unsere armen Dörfler. Ja, das Leben in der Megastruktur ist karg und trostlos. Und es mag sogar sein, dass dies Geschmackssache ist und der Autor dieser Zeilen vielleicht ein wenig zu sentimental gegenüber den E-Fischerchen eingestellt ist (was ja letztlich sogar wieder für den Film spräche!). Und immerhin, es ist kein übermäßig fieses „Felsen stürzen herab. Alle sterben.“-Ende. Aber trotzdem. Schnüff.

Szenenbild 3

Kurz ein paar Worte zur uns vorliegenden Blu-ray: Bild und Ton sind einwandfrei, die Ausstattung hingegen in ihrer Kargheit fast schon wieder passend zur Welt von „BLAME!“. Immerhin, ein mit 30 Minuten sehr ausführlich gewordenes Making-of lässt viele der Beteiligten direkt zu Wort kommen und spendet ein paar tiefergehende Informationen zur Produktionsgeschichte. Lobenswert und interessant, aber ansonsten gibt es nur wenig auf der Disc. Ein paar Trailerchen zum Film, eine Trailershow zum restlichen Programm von Universum Anime, alles verpackt in einem stimmungsvollen, aber nicht übermäßig kreativen Menü. Hier besteht Luft nach oben. Aber schon klar, wir meckern mal wieder auf hohem Niveau.

Fazit:
Es ist eine wundervolle, beeindruckende und außergewöhnliche Vision, die sich dem Zuschauer da in Form der Anime-Adaption von „BLAME!“ offenbart. Ruhig und wunderbar atmosphärisch, entwickelt der Film einen Sog, der einen großzügig über ein paar kleinere Macken in der Zeichnung der Hauptfigur und ein paar ungelenke Animationen hinwegsehen lässt. Belohnt wird man mit dem Blick auf eine Welt, die man so schnell nicht wieder vergessen wird. Wir vergeben 8/10 Punkte.
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Über den Author:

MartinLiebt das Kino als natürlichen Lebensraum großartiger Filme, wobei „großartig“ für ihn all das ist, was das Hirn zermartert oder das Herz zerreißt – jeweils im Guten wie im Schlechten und gern auch beides auf einmal. Schwärmt derzeit am liebsten über „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“, „Isle of Dogs“, und „The Death of Stalin“ – außerdem immer wieder gern über „Project Itoh – Harmony“ und „A Silent Voice“. Freut sich tierisch auf „Mortal Engines“.Zeige alle Artikel von Martin →