Evangelion 3 Packshot 3D

Evangelion 3.33 – You Can (Not) Redo

Plakat

Originaltitel: Evangelion Shin-Gekijōban: Kyū

Laufzeit: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Sprecher: Uli Krohm, Sonja Spuhl, Peggy Sander, Julia Ziffer, Dirk Petrick, Jannick Beeck, Tilo Schmitz, Yara Blümel, Hannes Maurer, Maria Koschny, Sarah Tkotsch, Erich Räuker, Gundi Eberhard, Jennifer Weiß, Samia Little Elk, Frank Schröder, Rainer Fritzsche

Regie: Hideaki Anno

Ab dem 13. Dezember auf Silberscheibe.

 

14 Jahre sind vergangen, seit Shinji Ikari EVA 01 erweckte und damit den Near-Third Impact auslöste. Seitdem hat sich auf der Erde Einiges verändert, aber kaum etwas zum Besseren. Shinji selbst hat davon wenig mitbekommen, denn er wurde zusammen mit EVA 01 in einem Tesserakt-Sarg irgendwo im Orbit geparkt und erst vor kurzem daraus wieder befreit. Nun steht er zwischen den Fronten der Rebellenorganisation WILLE, angeführt von der abtrünnigen Misato Katsuragi, und den scheinbar immer noch SEELE angehörigen Überbleibseln von NERV, weiterhin unter der Führung von Shinjis gewohnt kryptischem Vater Gendou Ikari. Neben der Entscheidung, welche Seite die richtige ist, plagen unseren jugendlichen Helden noch die Fragen, ob er seine geliebte Rei Ayanami vor 14 Jahren nun retten konnte oder nicht, was es mit seinem rätselhaften neuen Copiloten auf sich hat und seit wann er überhaupt einen Copiloten braucht. Davon abgesehen plagen ihn natürlich noch jede Menge Selbstzweifel. So wie immer. Oh, und ansonsten gibt es natürlich wieder tolle Kämpfe, jede Menge Mythologisches und Einiges an Fan-Service.

Szenenbild 1

Geneigter Leser, solltest du nach Erwähnung des „Near-Third Impacts“ eine gewisses Nachlassen deiner Aufmerksamkeit verspürt haben, gegebenenfalls weil du die vorangegangenen beiden Filme nicht gesehen hast, dann lass dir doch kurz mit der folgenden kurzen(!) historischen Abhandlung helfen. Die eingeweihten “Rebuild”-Kenner hingegen können derweil ja schon zur eigentlichen Kritik des dritten Teils springen, welche unter dem versonnen Blick von EVA-Pilotin Mari beginnt.

Alles begann im Jahr 1995 mit einer großartigen Anime-Serie namens “Neon Genesis Evangelion”, in der jugendliche Piloten in riesigen Robotern (genannt „Evangelion“ oder kurz „EVA“) gegen rätselhafte Monster (genannt „Engel“) kämpfen mussten. Die Serie punktete mit knackigen Kämpfen, einer spannenden Story und faszinierenden Rückgriffen auf vor allem die jüdische Mythologie. Allerdings litt sie unter einer stellenweise nur noch unerträglich dämlichen Hauptfigur (dem reifungsresistenten Shinji Ikari nämlich), einigen furchtbar seifenoperigen Elementen und vor allem einem grausam unspektakulärem Ende, dass sich selbst fast komplett in Küchenpsychologie und Alltagsphilosophie auflöste. Das schienen die Produzenten überraschenderweise sogar eingesehen zu haben, denn 1997 wurde mit den Kinofilmen „Evangelion: Death & Rebirth“ sowie „The End of Evangelion“ ein alternatives Ende präsentiert. Das war immerhin weitaus spektakulärer, aber leider nur unwesentlich befriedigender. Auch wenn der Cliffhanger am Ende von „Death & Rebirth“ schon ziemlich cool war.

Szenenbild 2

Zum Glück für Serienschöpfer Hideaki Anno erfreute sich das Franchise jedoch trotzdem einer ungebrochenen Begeisterung, sodass er ab 2007 ein neues Filmprojekt in Angriff nehmen konnte: „Rebuild of Evangelion“. Angelegt als eine Serie von vier Filmen, orientierte sich Anno am Handlungsaufbau des traditionellen japanischen Nō-Theaters. Dieser nennt sich jo-ha-kyū, bedeutet in etwa „Beginn-Bruch-Beschleunigung“ und entspricht damit den Phasen Exposition, Wendepunkt und Fallende Handlung in der hierzulande weitaus gebräuchlicheren aristotelischen Dramentheorie. Gemäß jener Struktur stellte der erste Film der Reihe, „Evangelion: 1.0 – You Are (Not Alone)“ als ein klassisches Remake der ersten sechs Folgen der Fernsehserie mit zeitgemäßen Effekten und einigen sehr angenehmen Straffungen eine ideale Einführung in die Welt der EVAs und Engel dar. Teil 2, „Evangelion: 2.0 – You Can (Not) Advance“, markierte die Wendung bzw. den Bruch und wandte sich mit großartiger Chuzpe von der TV-Vorlage ab. Neue Figuren wie die für EVA-Piloten-Verhältnisse komplett ungewohnt lebenslustige und schlagfertige Mari Makinami Illustrious und ein wahnsinnig furioses Finale, für das allein schon sich das Betrachten der beiden Filme mindestens dreimal gelohnt hat, machten „Rebuild of Evangelion“ zu einem bestechend eigenständigen Genuss. Gleichzeitig wirft solch ein fulminanter Film aber natürlich einen riesigen Schatten, aus dem der nun folgende dritte Teil erst einmal heraus kommen muss. Was uns nun endlich zum vorliegenden Film bringt.

Szenenbild 3

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Der Sprung aus dem Schatten seines Vorgängers gelingt „Evangelion 3.33 – You Can (Not) Redo“ (so der Titel der Heimkino-Version) leider, leider nicht so richtig. Und das obwohl er im ersten Drittel gleich mit allen Stärken auffährt, die ihm zur Verfügung stehen. Neben den wirklich leinwandreifen Bildern, gerade während der Kämpfe, ist das hauptsächlich die großartige Chemie, die Mari und Asuka, die beiden EVA-Pilotinnen des Widerstands, vor allem während gemeinsamer Kämpfe offenbaren. Man ertappt sich da spontan bei dem Wunsch, den ganzen Film nur aus Sicht der Widerständler verfolgen zu wollen und somit nicht nur mehr Schlagabtäusche zwischen „Brillerella“ und „Prinzesschen“ genießen zu können, sondern vielleicht auch ein paar weitere Informationen über die „AAA Wunder“, WILLEs faszinierend designter Geheimwaffe, zu erhaschen. Vielleicht wäre dann auch der Sprung von 14 Jahren etwas sinnvoller erschienen, denn außerhalb der WILLE-Marinebasis ist diese Menge an vergangener Zeit kaum noch spürbar.

Aber natürlich muss ein „Evangelion“-Film stattdessen dem ewig-hadernden Shinji Ikari folgen, und so befinden wir uns den gesamten Mittelteil in den Ruinen der NERV-Zentrale und stehen ihm bei seinen ewigen Selbstzweifeln bei, erleben einen Kaworu Nagisa, der nicht mal halb so cool ist, wie sein Auftritt am Ende letzten Teils hatte erhoffen lassen, bekommen die übliche Menge an Hintergrundinformationen (die sich Kenner der TV-Serie aber vermutlich schon denken konnten) und erleben einen angenehm charismatischen Kohzo Fuyutsuki (der als rechte Hand und Stichwortgeber von Shinjis Vater sonst nur wenig Möglichkeiten zum Glänzen hat). Im letzten Drittel endet diese stellenweise etwas langatmig wirkende Ruhe dann zwar wieder, doch der abschließende Kampf wirkt trotzdem nur wie ein etwas schaler Aufguss des in dieser Kritik ja schon ausgiebig gelobten Finales des Vorgängers.

Szenenbild 4

Auch ein Blick auf die DVD selbst ist getrübt vom Wissen um den Vorgänger. Denn auch wenn die Steelbox das schmuckste Cover von allen hat, ist das beiliegende Booklet zwar sehr ansehnlich, aber bei weitem nicht mehr so informativ wie das von „Evangelion: 2.22“ (nicht wundern, werter Leser, auch hier weicht der DVD-Titel vom Kinofilmtitel ab).  Es erwarten uns „nur“ ein paar einführende Worte und kurze Sätze zum Making-of-Material auf der DVD. Den Rest der 52 Seiten füllen so viele Charakter-Konzeptzeichnungen, wie man nur möchte. Das ist zwar auch was Feines, doch die nützlichen Zusammenfassungen der Beilage von Film Nr. 2 vermisst man schon irgendwie. Natürlich ist die DVD- und Blu-ray-Version damit trotzdem noch um Längen besser als der Durchschnitt und verdient sich weiterhin ein dickes Lob. Ein echt fieser Lapsus allerdings ist der Teaser zu Teil 4, der sich zwar in den Extras der DVD findet, aber weder eine Synchronisation noch wenigstens ein paar Untertitel gegönnt bekam. Was schon ziemlich blöd ist, wenn die eigenen Japanisch-Kenntnisse kaum über „Dōmo arigatō“ hinausreichen.

Fazit:
Eigentlich sollte der dritte Teil der neuen „Evangelion“-Saga ja eine Beschleunigung darstellen, doch ist das Gegenteil der Fall. „Evangelion 3.33“ entpuppt sich weitaus mehr als eine Verzögerung, als Hinhaltetaktik auf den finalen Teil, mit zwar einigen sehr gelungenen und herrlich unterhaltsamen Ideen, aber auch einer ganzen Menge von dem, was schon den älteren Versuchen, der Anime-Serie ein würdiges Ende zu verpassen, gehörig den Spaß nahm. Somit bleibt einem nichts übrig, als gebannt auf den Abschluss der Tetralogie zu warten. In aller Unruhe und Hoffnung. Auf beschauliche 7/10 Punkte konnte sich der bis jetzt schwächste Teil der „Rebuild of Evangelion“-Reihe dann aber gerade so noch retten. Vielleicht auch nur, weil die WILLE-Pilotinnen den Verfasser dieser Kritik ein klein wenig für sich gewinnen konnten.
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Über den Author:

MartinLiebt das Kino als natürlichen Lebensraum großartiger Filme, wobei „großartig“ für ihn all das ist, was das Hirn zermartert oder das Herz zerreißt – jeweils im Guten wie im Schlechten und gern auch beides auf einmal. Schwärmt derzeit am liebsten über „Manifesto“, „A Silent Voice“ und „Die Erfindung der Wahrheit“ – außerdem immer wieder gern über „Project Itoh – Harmony“ und „La Grande Bellezza“. Ist vorfreudetechnisch mit 2017 durch, freut sich dafür aber umso inniger, zu Beginn des neuen Jahrs "Your Name" auf Leinwand sehen zu dürfen.Zeige alle Artikel von Martin →