Harmony Hauptplakat

Harmony

Plakat

Originaltitel: Hāmonī

Laufzeit: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Sprecher (dt. Fassung): Claudia Urbschat-Mingues, Julia Kaufmann, Gabrielle Pietermann, Peter Lontzek, Peggy Sander, Sascha Rotermund, Juana von Jascheroff, Jürgen Kluckert

Regie: Michael Arias, Takashi Nakamura

Im Verleih von KAZÉ.

Ab dem 28. Juli auf Silberscheibe und Blauling.

Es ist das Jahr 2075, und „Gesundheit!“ mutierte von der Standard-Entgegnung nach einem Niesen zur allumfassenden Parole der westlichen Gesellschaft. „Vitalismus“ heißt die neue Lebensweise, die mithilfe von Nanotechnik und perfekter Durchleuchtung aller Bürger einen noch nie dagewesenen Lebensstandard erwirken konnte. Eine weit nach hinten verschobene Lebenserwartung, Glückspillen auf Abruf, und sofortiger Zugang zu medizinischer Hilfe, wenn benötigt – klingt doch ganz nett, oder?

Nicht, wenn man Tuan Kirie fragt, und das obwohl sie sich zur Helix-Inspektorin (wir verzichten auf große Erklärungen, deshalb nur so viel: Das ist was krass Wichtiges) der Welt-Gesundheitsorganisation (ja genau, die gute, alte WHO, natürlich gibt es die in so einer Welt noch. Und natürlich entspricht sie hier eher der NATO) hochgearbeitet hat und damit zur Speerspitze des Vitalismus zählt. Doch dies war nur ihre Art einer Flucht nach vorn, eigentlich verabscheut sie das System mit all seinen Vorschriften und der erdrückenden Menge an Mitgefühl. Als sie noch jung und dumm war, versuchte sie gemeinsam mit zwei Freundinnen sogar, der aufgezwungenen allumfassenden Gesundheit durch gemeinsamen Selbstmord ein Schnippchen zu schlagen. Augenscheinlich vergeblich, doch diese Eskapade scheint sie nun einzuholen, denn nicht nur scheint plötzlich jemand in der Lage zu sein, beliebig Menschen zum Selbstmord zu zwingen, Tuans Nachforschungen bringen sie auch recht rasch auf die Spur ihrer Jugendliebe Miach Mihie. Dabei war sie doch diejenige, der damals der Selbstmord gelang. Oder etwa nicht?

Szenenbild 1

Endlich kommen wir in den Genuss der nächsten Adaption eines Werkes des japanischen Schriftstellers mit dem Künstlernamen „Projekt Itoh“! Die gleichnamige Vorlage von „Harmony“ ist sein zweiter Roman und im Gegensatz zu „The Empire of Corpses“, dessen Vorlage sich Itoh im Anschluss an „Harmony“ vornahm, stammt nun die gesamte Geschichte, von Anfang bis Ende, aus seiner Feder. Und ist somit auch spürbar runder. Im Kern allerdings behandeln beide Werke die gleichen existenziellen Fragen nach dem Wesen des Menschen. Während sich „The Empire of Corpses“ auf die Suche nach dem Menschlichen konzentrierte, steht am Ende von „Harmony“ die schmerzhafte Frage, wieviel unserer Menschlichkeit wir opfern sollten, um Glück und Frieden in unserer Gesellschaft garantieren zu können. Was Itohs Werk wunderbar auf die gleiche Stufe stellt wie Aldous Huxleys große Dystopie „Schöne neue Welt“.

Gleichzeitig mutet dieser Weltentwurf aber auch sehr persönlich, fast schon intim an, wenn man bedenkt, dass Itoh, während er an „Harmony“ schrieb, schon längere Zeit unheilbar an Krebs erkrankt war und quasi die ganze Zeit im Krankenhaus lag. Der nie hinterfragte Zwang zur Gesundheit, der Wunsch der Hauptfigur, all das Mitleid und all die Kontrollen hinter sich zu lassen und letztlich die Beschäftigung damit, einen wichtigen Teil der eigenen Menschlichkeit zu verlieren – all dies kann man auch als einen beeindruckend offenen Blick in das Innere eines Sterbenskranken interpretieren. Was „Harmony“ wirklich zu großer, tiefgründiger Kunst macht.

Szenenbild 2

Aber auch jenseits der aufgeworfenen philosophischen Fragen und psychologischen Deutungen kann „Harmony“ klar punkten. Erstens mit einer wundervoll zwiespältigen Hauptfigur, denn so richtig klar werden die Beweggründe der verschlossenen Helix-Inspektorin Kirie bis kurz vor dem Ende nie. Was sie als Figur den gesamten Film hindurch spannend bleiben lässt und dafür sorgt, dass man ihr gern von Ort zu Ort folgt. Was uns zum nächsten Pluspunkt des Films bringt, denn wie jede „Project Itoh“-Verfilmung nimmt uns auch „Harmony“ mit auf eine Reise um die halbe Welt, wobei wir uns gemeinsam mit Madame Kirie immer weiter von der Zivilisation und ihren Einflüssen weg bewegen: Vom beschaulich-sicheren Zukunfts-Tokio mit seinen beruhigend pinken und von runden Formen dominierten Bauwerken über das moderne Bagdad, in dem kühne Architektur sich mit alter Prunksucht vereint, hin zu den „unzivilisierten“ Vororten des Zweistromlands, in denen die Menschen frei von der allumfassenden Kontrolle des Vitalismus ein rückständiges, nach unseren Vorstellungen aber regelrecht normales Leben führen. Und zum großen, aber angenehm stillen Finale schließlich sind wir fernab jeglicher Zivilisation in einer Bergfestung im kriegsgebeutelten Tschetschenien. Was genau dann in und nach diesem Finale geschieht, nun, das dürfte nicht jedermanns Geschmack treffen. Es ergibt aber Sinn als eine logische Konsequenz sowohl der aufgeworfenen philosophischen Fragen als auch aus Perspektive der psychologischen Deutung.

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass Tuans Reise gegen Ende zunehmend eine geistige wird, mit vielen Dialogen und einer ganzen Menge an Gedankenspielen – zwar gibt es in den Vororten Bagdads auch noch eine schön actionreich inszenierte Verfolgungsjagd inklusive dramatischem Schusswechsel, aber spätestens in Tschetschenien kehrt vollständige Ruhe ein. Was nicht heißt, das dort nicht einige wirklich grausame Geschehnisse ans Licht kommen, weshalb die 16er-Freigabe spätestens hier durchaus gerechtfertigt ist. Wer seinen Tiefgang aber insgesamt lieber durchgehend mit einer schmackhaften Portion Action serviert bekommen möchte, der sollte seine Vorfreude wohl etwas stärker in „Genocidal Organ“ investieren. Der kommt ja auch bald in die Regale der Heimkino-Anbieter, am 29. September nämlich.

Szenenbild 3

Abgesehen von der sehr ruhigen Grundstimmung am Ende gibt es aber auch andere Dinge an „Harmony“, die wohl nicht jeden überzeugen dürften. Vor allem ist dies die Qualität der Animationen. Auch wenn stilistisch sicher und gelungen, mit simpel gehaltenen Zeichnungen der Figuren, aber mehrfach beeindruckend opulenten Hintergründen, kränkelt die Optik mehrfach an den augenscheinlich stark begrenzten Mitteln der Produzenten. Etwas zu häufig musste viel zu offensichtlich Kollege Computer einspringen, um zeit- und vor allem geldsparend komplexe Schwenks in der Perspektive und ähnlich aufwändige Animationen des gesamten Hintergrunds zu realisieren. Was umso tragischer ist, wenn man sieht, mit welcher Kreativität die Damen und Herren von Studio 4°C die Ideen der Vorlage in glaubwürdige, aber dennoch so gut wie nie zuvor gesehen Technologien und Architekturen umwandelten. Von allen drei „Project Itoh“-Verfilmungen jedenfalls profitiert „Harmony“ mit Abstand am meisten von den optischen und kreativen Freiheiten eines Animationsfilms. Schade also, dass die letzten Schritte hin zur Perfektion scheinbar nur am fehlenden Geld scheiterten. Andererseits, besser wir bekommen diese Vision so präsentiert, als dass wir sie nie zu Gesicht bekämen.

Ebenfalls ein wenig schade, aber zu verkraften ist die Ausstattung der Blu-Ray. Denn abgesehen von einem wirklich großartig passenden, sehr zurückgenommenen Menü und drei Trailerchen zum sonstigen Heimkino-Programm von KAZÉ haben wir nur die übliche Wahl zwischen der (wieder sehr gelungenen!) deutschen Sprachfassung und dem japanischen Original samt Untertiteln. Keine Featuretten, keine Verweise auf die anderen Teile der „Project Itoh“-Reihe. Menno.

Szenenbild 4
Fazit:
Von den drei „Project Itoh“-Verfilmungen ist „Harmony“ nach Meinung des Verfassers dieser Zeilen klar das ambitionierteste Projekt. Hier wird uns eine stilsicher durchdesignte und lebendig geschilderte Welt präsentiert, die gleichzeitig philosophisches Gedankenexperiment und intime Innensicht eines Sterbenskranken ist. Leider nicht immer in überzeugender optischer Qualität und gegen Ende auch ziemlich verkopft und sehr, sehr ruhig, aber dafür wird man mit nicht wenigen hochinteressanten Gedankengängen über das Wesen des Menschlichen belohnt. Und mit einem runden, zum Rest der Handlung passenden Ende. Da drückt zumindest der Verfasser dieser Zeilen gern ein Auge bezüglich des Produktionsstandards zu und vergibt begeisterte 9/10 Punkte.
VN:F [1.9.22_1171]
Deine Filmbewertung:
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)

Über den Author:

MartinLiebt das Kino als natürlichen Lebensraum großartiger Filme, wobei „großartig“ für ihn all das ist, was das Hirn zermartert oder das Herz zerreißt – jeweils im Guten wie im Schlechten und gern auch beides auf einmal. Schwärmt derzeit am liebsten über „Manifesto“, „A Silent Voice“ und „Die Erfindung der Wahrheit“ – außerdem immer wieder gern über „Project Itoh – Harmony“ und „La Grande Bellezza“. Ist vorfreudetechnisch mit 2017 durch, freut sich dafür aber umso inniger, zu Beginn des neuen Jahrs "Your Name" auf Leinwand sehen zu dürfen.Zeige alle Artikel von Martin →