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The Empire of Corpses

Plakat

Originaltitel: Shisha no Teikoku

Laufzeit: 120 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Besetzung: Ingo Albrecht, Konrad Bösherz, Maria Koschny, Sebastian Schulz, Erich Räuker, Patrick Baehr, Thomas Kästner

Regie: Ryotaro Makihara

Im Verleih von KAZÉ.

Ab dem 28. April auf Silberscheibe und Blauling.

Unsere Geschichte spielt im Jahre 1878, doch es ist nicht „unser“ 1878. Einfachheit halber folgen nun die beiden wichtigsten Änderungen dieser Alternativweltgeschichte: a) Ein gewisser Viktor Frankenstein war wirklich in der Lage, eine Leiche wiederzubeleben. b) Der Mathematiker Charles Babbage war in der Lage, mit den Mitteln der viktorianischen Epoche einen Computer zu entwickeln. Beide Leistungen zusammen ergeben nun folgendes 1878: Die Wiederbelebung der Toten wurde eine massentaugliche Technologie, doch die ursprüngliche Seele geht mit dem Tod unwiederbringlich verloren. Ersatz dafür zu finden, ist aber nur ein informationstechnologisches Problem: Findige Programmierer können einen Ersatz dafür schaffen, „Necroware“ genannt, welche die Wiederbelebten für verschiedenste einfache Arbeiten qualifiziert, komplexere Dinge wie Sprechen oder Intelligenz aber nicht beinhaltet. Mit anderen Worten: Wir haben simple Roboter!

Dem genialen John Watson allerdings reicht dies nicht, er will auch die Seele eines Menschen erfassen und auf Lochkarten speichern, weshalb er verbotenerweise seine eigenen Forschungen betreibt. Dies bekommt das britische Empire jedoch mit, und so muss er nun im Dienst der Königin nach den Unterlagen Viktor Frankensteins suchen, wenn er weiter forschen will. Was ihm durchaus gelegen kommt, schließlich soll Frankenstein das Geheimnis der menschlichen Seele gelöst haben. Auf geht’s also! Gemeinsam mit seinem Gehilfen, einem Wiederbelebten namens Friday, und dem alten Haudegen Frederick Burnaby wird ihn dieser Auftrag einmal um die ganze Welt führen.

Szenenbild 1

Die Buchvorlage von „The Empire of Corpses“ entsprang der Feder des hochgelobten japanischen Autors Satoshi Itō, Künstlername „Project Itoh“. Die Geschichte ist die dritte und leider letzte des viel zu früh Verstorbenen. Außerdem blieb sie leider unvollendet, was ein großes Problem des vorliegenden Films erklärt. Aber dazu kommen wir noch. Zunächst einmal gibt es nämlich ein dickes Lob für den Weltentwurf, den Project Itoh uns hier vorlegen konnte.

Vor allem ist es die wunderbar durchdachte Art und Weise, in der die ursprüngliche Geschichte um Frankensteins Kreatur weitergedacht und ausgeschmückt wurde, die „The Empire of Corpses“ zu einem kleinen Kunstwerk macht. Neben kleineren soziologischen Betrachtungen, z.B. in Hinsicht auf das Militärwesen, punktet der Weltentwurf vor allem durch die kluge Integration der Informationstechnologie, wie sie durch den Roman „Die Differenzmaschine“ der Cyberpunk-Autoren William Gibson und Bruce Sterling ermöglicht wurde. Somit lassen sich hochinteressante und immerwährend gültige Fragen wie „Was macht einen Menschen aus?“ oder „Wie kann man Konzepte wie ‚Seele‘ oder ‚Bewusstsein‘ greifbar machen?“ aus einer frischen und interessanten Perspektive beleuchten. Und obgleich die Handlung im 19. Jahrhundert spielt, werden damit doch letztlich auch brandaktuelle Fragestellungen rund um die Themenfelder „Künstliche Intelligenz“ und „Mind Uploading“ angerissen.

Szenenbild 2

Allerdings ist „The Empire of Corpses“ kein trockener Diskurs, sondern ein ungemein spaßiger Ritt durch eine alternative Vergangenheit. Mit großer Spielfreude lernen wir mal mehr, mal weniger exotische Orte kennen und begegnen einer schönen Kombination verschiedenster fiktiver und realer Figuren. Eine genaue Kenntnis der Vorlagen ist dabei nicht nötig, kann aber einen kleinen Mehrwert darstellen. Dabei bleibt die erschaffene Welt zumindest in den ersten zwei Dritteln auch angenehm glaubwürdig und verhältnismäßig bodenständig.

Erzählt wird uns die Handlung im Duktus klassischer Abenteuergeschichten, sodass nie Langeweile aufkommt. Einzig das Ende vermag etwas zu enttäuschen, zum einen weil es für keine der interessanten Fragen des Films eine befriedigenden Antwort zu liefern vermag, ja dies nicht einmal groß versucht. Das mag leicht verzeihbar sein, schließlich gibt es für solche Fragen sowieso keine leichten Antworten (das macht sie ja gerade so faszinierend). Schwieriger ist die Wendung hin zum Abstrusen, die der finale Showdown irgendwann nimmt. Man hat fast den Eindruck, alles löse sich schließlich in einer grünstichigen Lightshow auf und komme dann halt irgendwie zu einem zwar akzeptablen, aber doch etwas planlosen Ende. Was uns dann auch zurück zum fragmentarischen der Buchvorlage bringt. Denn der Umstand, dass ein anderer Autor diese Geschichte zu Ende bringen musste, liefert zumindest eine kleine Erklärung dafür, dass das letzte Drittel von „The Empire of Corpses“ irgendwie nicht so recht zum Rest der Story passen möchte.

Szenenbild 3

Optisch präsentiert sich „The Empire of Corpses“ im oberen Mittelmaß und in zeitgemäßer Qualität, mit zwar meist schönen, stimmungsvollen Bildern, aber teilweise nur mittelmäßig integrierten, stellenweise gar unpassenden Computeranimationen. Dafür liefern die Sprecher, sowohl in der japanischen als auch der deutschen Fassung, allesamt sehr gute Leistungen ab.

Die uns vorliegende Blu-Ray kam mit überzeugender Bild- und Tonqualität, aber etwas spartanischer Ausstattung daher. Deutsche und japanische Sprachfassung, die japanische dabei mit nicht abwählbaren deutschen Untertiteln, ansonsten nur drei Trailerchen für das weitere Programm von Kazé (von denen einer übrigens leicht falsch betitelt wurde. Erbsenzähler-Modus aus). Eigentlich schade, zumindest eine Featurette zu Buchvorlage und/oder Autor wäre hier sehr schön gewesen. Oder wenigstens Trailer zu den beiden weiteren Project-Itoh-Adaptionen, die für eine Veröffentlichung hierzulande bereits in den Startlöchern stehen (mehr dazu gleich, nun aber erst mal das Fazit).

Szenenbild 4
Fazit:
Mit viel Fantasie präsentiert uns Project Itohs „The Empire of Corpses“ eine faszinierende und klug durchdachte Alternative unserer Vergangenheit, mit großer Spielfreude erzählt man uns eine kurzweilige Geschichte, mit einigem Mut stellt man bedeutsame Fragen, und mit einer großen Ladung Chuzpe lässt man diese dann einfach unbeantwortet und liefert stattdessen ein eine actionreiche Lichtshow als Finale ab. Der Autor dieser Zeilen fühlte sich da zwar ein klitzekleines Bisschen angeschmiert, vor allem war er aber gut unterhalten und übermäßig inspiriert, weshalb er sehr großzügig aufgerundete 8/10 Punkte vergibt.

 

Übrigens ist das Heimkino-Release von „The Empire of Corpses“ kommenden Freitag nicht das einzige wichtige Datum in dieser Woche für Project-Itoh-Fans (oder solche, die es werden wollen). Bereits morgen läuft im Rahmen der Kazé Anime Nights die Adaption seines Debütromans! „Genocidal Organ“ handelt von zunehmendem internationalem Terrorismus, in dessen Folge immer mehr Staaten ihr demokratisches System zugunsten eines Überwachungsstaates ablegen. Das verspricht harten Tobak, aber auch brandaktuelle Gedanken. Und diesmal stammt die Geschichte von Anfang bis Ende vom selben Autor, weshalb der Verfasser dieser Kritik schon sehr, sehr, sehr gespannt darauf ist. Nähere Infos zu Film und Spielstätten gibt’s hier.

Und auch die dritte und letzte Umsetzung eines Project-Itoh-Romans, mit dem vielversprechenden Namen “Harmony”, wird uns in wenigen Monaten beglücken. Auf der Leinwand zwar nur in Berlin, am 22.06. im Babylon Kino in Mitte, aber schon ab dem 14.07. kann man dann wenigstens die Heimkino-Version sein Eigen nennen.

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Über den Author:

MartinLiebt das Kino als natürlichen Lebensraum großartiger Filme, wobei „großartig“ für ihn all das ist, was das Hirn zermartert oder das Herz zerreißt – jeweils im Guten wie im Schlechten und gern auch beides auf einmal. Schwärmt derzeit am liebsten über „Manifesto“, „A Silent Voice“ und „Die Erfindung der Wahrheit“ – außerdem immer wieder gern über „Project Itoh – Harmony“ und „La Grande Bellezza“. Ist vorfreudetechnisch mit 2017 durch, freut sich dafür aber umso inniger, zu Beginn des neuen Jahrs "Your Name" auf Leinwand sehen zu dürfen.Zeige alle Artikel von Martin →