Birdman Hauptplakat

Birdman oder Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit (Sneak vom 12.01.2015 im Cinestar sowie vom 23.01.2015 im Cineplex)

Plakat

Originaltitel: Birdman Or The Unexpected Virtue of Ignorance

Laufzeit: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Besetzung: Michael Keaton, Zach Galifianakis, Edward Norton, Andrea Riseborough, Amy Ryan, Emma Stone, Naomi Watts

Regie: Alejandro González Iñárritu

Ab dem 29. Januar in den Lichtspielhäusern.

 

Früher, ja früher sah so es richtig rosig aus für Riggan Thomson (Michael Keaton): Als Held von drei „Birdman“-Superheldenfilmen scheffelte er mehr Kohle als so mancher Kleinstaat. Doch diese Zeiten sind vorbei, und mittlerweile sucht der gealterte Filmstar händeringend nach echter Anerkennung als Künstler und wohl auch nach einer Anstellung als Darsteller, die über ein lauwarmes „Birdman 4“ oder ein peinliches Reality-Show-Format hinausgeht. Sein Plan: Er möchte ein Theaterstück basierend auch einer Anthologie des gelobten, aber verstorbenen Autoren Raymond Carver inszenieren. Mit sich selbst in der Hauptrolle, alles ganz ambitioniert, und natürlich am Broadway, also [i]den[/i] Brettern, die für Amerikaner tatsächlich die Welt bedeuten. Dabei darf er sich nicht nur mit seiner Problemkind-Tochter Sam (Emma Stone) und seiner plötzlich schwangeren Lebensgefährtin Laura (Andrea Riseborough) herumschlagen, sondern hat auch noch echte Probleme mit dem sehr eigentümlichen, aber leider auch sehr, sehr beliebten Schauspieler Mike Shiner (Edward Norton), der für die zweite Hauptrolle einspringen musste. Und dann ist da auch noch die Theaterkritikerin Tabitha Dickinson (Lindsay Duncan), ohne deren absegnende Worte in New York kein Stück auch nur im Ansatz Erfolg versprechen wird. Viel zu tun also für den ehemaligen Leinwandhelden. Und dabei sprachen wir noch gar nicht von seinem, nun, etwas gespaltenen Verhältnis zur Realität.

Szenenbild 1

Schon wieder ein Film, in dem Schauspieler Schauspieler spielen, dabei lief doch erst im letzten Monat „Die Wolken von Sils Maria“ an. Keine Angst, werter Leser, auf einen Vegleich zwischen beiden Filmen verzichtet der Verfasser dieser Zeilen, doch nutzen wir die Erwähnung von Olivier Assayas‘ Meisterwerk für folgende einleitende Feststellung: Während „Die Wolken von Sils Maria“ herrlich verkopft die Vorzüge des europäischen Kinos aufzeigte, gibt sich „Birdman“ ganz bodenständig und amerikanisch. Im Guten wie im Schlachten.

Das beginnt damit, dass uns alles schön vorgekaut wird. Micheal Keaton filmisches Alter Ego steht im Schatten einer Rolle, die sogar fast so klingt wie die Rolle, mit der sich der reale Keaton heute noch messen lassen muss. Auszulesenden Subtext sucht man hier vergeblich. Aber warum auch? Die größte Stärke von „Birdman“ liegt klar in der Inszenierung. Wie bei Hitchcocks damals genial gefilmtem „Cocktail für eine Leiche“ gibt es fast keine sichtbaren Schnitte, doch ist die Kameraführung nun noch viel, viel dynamischer. Nie steht sie still, immer folgt sie mal Riggan, mal einer anderen Figur des Ensembles. Zusammen mit einem immer leicht drückenden Schlagzeug-Score macht das den Film zu einem durchaus seltenen Erlebnis, vor allem wenn man dann noch die gegen Ende hin zunehmenden Exkurse der Hauptfigur ins Surreale in Betracht zieht, denn nicht nur ist Thomson davon überzeugt, die telekinetischen Fähigkeiten seiner Paraderolle auch im echten Leben zu beherrschen, sein filmisches Alter Ego entpuppt sich als äußerst geschwätzige (und kritische) Stimme in seinem Kopf. Das ist durchaus nett und bis zum Schluss auch sehr ansprechend umgesetzt. Nur hinterlässt es keinen bleibenden Eindruck, es bleibt unterhaltsames Geplätscher.

Szenenbild 2

Auch die Handlung selbst hat zwar ungemein viel Unterhaltungs- aber wenig Mehrwert. Die Querelen der Hinterbühne machen durchaus Spaß, aber die Tendenz zur Seifenoper sollte man mögen oder zumindest ausblenden können. Hilfreich bei letzterem ist das wirklich tolle und auch angenehm spielfreudige Ensemble. Vor allem Edward Norton und Emma Stone können ihre Rollen wahnsinnig gut ausfüllen, für die deutsche Synchronfassung sogar fast schon zu gut, denn bei beiden gibt es jeweils eine Szene, in denen der jeweilige Charakter so wortreich in Emotionen ausbricht, dass der zuständige Synchronsprecher scheinbar nur hinterherhecheln kann. Ansonsten ist die Lokalisierung gewohnt gut, doch bei diesen Szenen fällt man bei Betrachtung der deutschen Fassung doch etwas raus aus dem Filmgenuss. Das ist nicht zu ändern, aber natürlich ein kleines Argument dafür, sich das Ganze nach Möglichkeit lieber im Original anzutun.

Auch der Rest des Casts ist super, doch seien hier nur noch rasch zwei Personen gesondert lobend erwähnt: Erstens Zack Galifianakis, weil er als Thomsons Manager nicht nur einen tollen Hipster abgibt, sondern endlich auch mal zeigen durfte, dass er, wenn man ihm keine öden Comedy-Exzentriker zum Spielen vorwirft, auch richtig was kann. Das zweite Lob geht an Andrea Riseborough, die ihre Nebenrolle nicht nur mit angenehm viel Tiefe ausstatten konnte, sondern wieder einmal ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt (vor allem wenn man, wie es beim Autor dieser Kritik der Fall ist, sie noch als kühle Rothaarige aus „Oblivion“ im Hinterkopf hatte).

Tadel ist aber auch angebracht, und zwar nicht zu knapp. Denn ausgerechnet die Figur der übermächtigen Kritikerin, eigentlich von Lindsay Duncan sehr schön abgeklärt gespielt, darf durch das Finale des Films eine Wandlung durchmachen, die ein einerseits wenig nervig auf Hollywood-Standard gebürstet ist und die sich andererseits in einer so mies geschriebenen und dämlich-pathetischen Rezension über Thomsons Inszenierung niederschlägt, dass man ernsthaft daran zu zweifeln beginnt, ob die Autoren des Films jemals eine Theaterkritik gelesen haben. So mies jedenfalls können die Standards im amerikanischen Feuilleton gar nicht sein. Aber egal, ganz so schlimm ist es dann nicht, denn immerhin darf „Birdman“ mit einer toll umgesetzten und ausgezeichnet passenden letzten Szene enden, sodass man diesen Mist dann gnädig wieder halb vergisst. Aber halt nur halb.

Szenenbild 3
Fazit:
Als Kandidat für die Academy Awards macht sich „Birdman“ durch sein erlesenes Cast, seine flotte Inszenierung und seine eingestreuten Pseudo-Subtilitäten natürlich super, doch auch als Unterhaltungsfilm mit kleinem Schlenkrich ins Charakterdrama erweist er sich als überzeugend, auch wenn er ab und an etwas zu gewollt wirkt, um nachhaltige Wirkung erzielen zu können. Aber seit wann ist das ein Kritierium für die Oscartauglichkeit eines Films? Aber Schluss mit dem Gefrotzel – 7/10 gut bespaßte Punkte für „Birdman“!
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Über den Author:

MartinLiebt das Kino als natürlichen Lebensraum großartiger Filme, wobei „großartig“ für ihn all das ist, was das Hirn zermartert oder das Herz zerreißt – jeweils im Guten wie im Schlechten und gern auch beides auf einmal. Schwärmt derzeit am liebsten über „Nur ein Tag“, „Genocidal Organ“ und „A Cure for Wellness“ – außerdem immer wieder gern über „La Grande Bellezza“ und „Die Wolken von Sils Maria“.Zeige alle Artikel von Martin →