Sein letztes Rennen (Sneak vom 23.09.2013 im Cinestar)

Plakat

Laufzeit: 115 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Besetzung: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Katharina Lorenz, Heinz W. Krückeberg, Frederick Lau, Katrin Sass

Regie: Kilian Riedhof

Ab dem 10. Oktober in den Lichtspielhäusern.

 

Die Zeit stand nicht still für Paul Averhoff (Dieter Hallervorden). Ja, er hatte mal als Marathonläufer olympisches Gold nach Deutschland geholt. Doch das war 1956. Nun hingegen muss er seinen beschaulichen Alterswohnsitz aufgeben, denn seine innig geliebte Frau Margot (Tatja Seibt) braucht mehr Unterstützung im Alltag als er ihr geben kann. Und Tochter Birgit (Heike Makatsch) kann sich als Flugbegleiterin auch kaum loseisen. Die Lösung heißt also wohl oder übel Pflegeheim. Doch Paul denkt gar nicht daran, einfach nur zwischen Gottesdienst, Singkreis und Bastelstunde auf den Tod zu warten. Er strebt fortan nach Höherem: Am großen Berlin-Marathon will er mitmachen. Margot gibt, wie schon vor 50 Jahren, seine Trainerin, und so langsam kommt er wieder in Form. Sehr zum Unwillen von Oberschwester Rita (Katrin Sass) und Betreuerin Frau Müller (Katharina Lorenz), denn für die ist dieses Verhalten natürlich unverantwortlich und riskant. Außerdem beginnt Pauls Nonkonformismus die anderen Insassen zu infizieren. Das Ziel ist also gesetzt, der Feind ist klar – Möge der Kampf beginnen!

Szenenbild 1

Und ein Kampf ist es nicht nur für die Hauptfigur. Auch ansonsten ist diese Produktion erfüllt von heftigen Auseinandersetzungen. Hauptsächlich sind es dabei die tatsächlich durch die Bank weg guten Darsteller, die einen anscheinend ausweglosen Krieg gegen ihre dämlichen und fast schon skandalös stereotyp geschriebenen Rollen führen müssen. Glücklicherweise schafft es fast jeder Darsteller, irgendwann einmal aus den fürchterlichen Einschränkungen der eigenen Figur auszubrechen und ein wenig Tiefe zu offenbaren. Selbst Katrin Sass, geschlagen mit der Rolle der Obernazi-Oberschwester, kann durch einen Hauch von Charisma und jede Menge Resignation in ihrem Spiel noch richtig punkten. Einzig Katharina Lorenz kommt nicht raus aus der Falle, die die Autoren ihr da in Form einer grotesk-langweiligen und humorresistenten Altenbetreuerin (Was ist das überhaupt für ein Berufsbild?), zur Hälfte Vorschulpädagogin und zur Hälfte Priesterin (aber die nervig in Plattitüden schwatzende Form), gestellt haben. Nicht, dass sie es nicht versuchen würde – und es ist tatsächlich für ein paar Sekunden herzzerreißend, wenn sie ihre Figur immer kurz vor den Besuchen von Averhoffs Tochter in sonst ungewohnten Anfällen von Eitelkeit ihr Äußeres richten lässt. Aber das führt leider zu nichts, und schon Sekunden später muss sie wieder das tiefenfreie Ekel geben. Zu ihrer Ehrenrettung sei erwähnt, dass diese Figur mit Abstand die mieseste war und ihr Schicksal am Ende des Filmes andeutet, dass auch Autoren und Regie nicht wirklich wussten, wohin sie mit diesem Charakter eigentlich wollten.

Szenenbild 2

Doch hören wir damit auf, Frau Lorenz zu verteidigen und widmen wir uns lieber dem reichlich verdienten Lob für Herrn Hallervorden. Der spielt seinen Paul nämlich mit einer unwiderstehlichen Mischung aus verschmitztem Charme und tragischer Dickköpfigkeit. Und schafft es damit, den Zuschauer bei sich zu behalten – trotz aller Versuche von Seiten der Regie, ihn zu vergraulen.

Und davon gibt es nicht wenige: Zu den schon ausführlichst erwähnten platten Charakteren, zu allem Überfluss auch noch mit klarer Schwarz/Weiß-Aufteilung versehen, gesellen sich eine einfallslose Handlung und eine furchtbar nervige Inszenierung, die kein tragikomisches Klischee auslassen konnte. Schmalzige Musik, Wackelkamera, Nebenhandlung mit Liebesgeschichte – alles ist da. Grässlich. Und dann musste man nach dem tatsächlich gelungenen Finale des Marathons auch noch ein unerträglich zuckergussiges Ende dranklatschen. Ernsthaft, wer kommt darauf, dass sowas nötig sei? Es wäre, werter Leser, vielleicht tatsächlich eine Überlegung wert, den Film nach dem Blende aus dem Olympiastadion und während der Texteinblendung  „Ein Jahr später“ einfach vorzeitig zu verlassen. Man verpasst nur ein paar Minuten, doch man spart sich jede Menge Aufregung.

Szenenbild 3
Fazit:
Manche Filme glänzen durch ihre Darsteller. Manche Darsteller glänzen trotz des Films, in dem sie spielen. Im Falle von „Sein letztes Rennen“ endet die Schlacht Darsteller gegen Inszenierung zum Glück zugunsten der Darsteller. Und, wichtiger noch, zugunsten der Zuschauer. Auf 7/10 Punkte konnte sich das Projekt noch retten. Nicht auszudenken, was ein ordentlicher Drehbuchautor und ein guter Regisseur daraus hätten machen können. Wo bitte kann man ein Remake beantragen?

 

P.S.: Zum Abschluss vielleicht noch einen Happen Klugscheißerwissen? In der echten Welt errang in den ’56er Sommerspielen im hübschen Melbourne der Franzose Alain Mimoun das Marathon-Gold. Er wurde später zum französischen Leichtathleten des Jahrhunderts ernannt und verstarb Ende Juli dieses Jahres.

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Über den Author:

MartinLiebt das Kino als natürlichen Lebensraum großartiger Filme, wobei „großartig“ für ihn all das ist, was das Hirn zermartert oder das Herz zerreißt – jeweils im Guten wie im Schlechten und gern auch beides auf einmal. Schwärmt derzeit am liebsten über „Die Erfindung der Wahrheit“, „Harmony“ und „Nur ein Tag“ – außerdem immer wieder gern über „La Grande Bellezza“ und „Die Wolken von Sils Maria“.Zeige alle Artikel von Martin →