WirsinddieNeuen Plakat

Wir sind die Neuen (Sneak vom 10.07.2014 im UCI sowie vom 11.07.2014 in den Passage Kinos)

Plakat

Laufzeit: 92 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Besetzung: Gisela Schneeberger, Heiner Lauterbach, Michael Wittenborn, Claudia Eisinger, Karoline Schuch, Patrick Güldenberg

Regie: Ralf Westhoff

Ab dem 17. Juli in den Lichtspielhäusern.

 

 

Es ist ja grundsätzlich nicht falsch, idealistisch sein zu wollen, aber irgendwie doch. Zumindest haben die Alt-68er und ehemaligen Wohngefährten Anne (Gisela Schneeberger), Eddi (Heiner Lauterbach) und Johannes (Michael Wittenborn) jeweils ein nicht geringes Geldproblem. Vor allem Anne, die gerade ihre Wohnung verlor, nervt das tierisch. Ihre Lösung: Die alte WG wiederbeleben. Und siehe da, mit zusammengeschmissener Rente und ein wenig vom niemals aus der Mode kommenden Vitamin B können sich die drei ein zwar nicht unbedingt frisches, aber dennoch beschauliches Fleckchen Erde erkämpfen, das nun gemeinsam bewohnt werden will. Doch natürlich ist es längst nicht so einfach, denn in der Wohnung über der frisch Erworbenen wohnen die drei Studenten Barbara (Karoline Schuch), Katharina (Claudia Eisinger) und Thorsten (Patrick Güldenberg), und die sind mitten in der Prüfungszeit und haben so gar keinen Nerv für die neuen Nachbarn. Wobei, eigentlich haben sie so gut wie gar keine Nerven mehr, und die paar, die noch übrig sind, liegen seit Tagen blank. Ob sich da eine Möglichkeit für unsere drei Neuzugänge bietet, hilfreich zur Seite zu stehen? Oder sehen wir am Ende nur gescheiterten Existenzen dabei zu, den aktuell Scheiternden ein bisschen die Tränchen abzuwischen?

Szenenbild 1

Seien wir mal ehrlich, so mit Hand auf dem Herz und so: Deutsche Filme erfreuen sich nicht unbedingt einer überschwänglichen Beliebtheit. Okay, außer natürlich, eine Person mit einem „Schweig“ im Nachnamen ist daran beteiligt – dann rennen die Leute rein wie bekloppt. Aber das macht die Misere eigentlich nur noch miserabler.

Und es ist ja auch durchaus was dran an den Vorurteilen gegenüber der Kinokost aus den heimatlichen Gefilden mit ihrer viel zu oft leinwanduntauglichen Flimmerkistenoptik und ihrem furchtbar hölzernen “Ich lese den Text ab, was wollt ihr denn mehr”-Schauspiel. Und da haben wir uns noch gar nicht der Themenwahl zugewandt, die nur allzu gerne entweder die DDR-Vergangenheit aufarbeitet oder gleich die Nazi-Keule rausholt. Oder was mit Krebs.

Keine Angst, werter Leser, diese platte Tirade ist nun wieder vorbei und ist auch nicht bitter gemeint. Denn tatsächlich hat sich im deutschen Kino doch einiges getan – und das nicht nur seit mit „Fack ju Göhte“ auch einmal ein Film ohne „Schweig…“-Beteiligung zum großen Erfolg werden durfte. Du willst ein aktuelles Beispiel hören? Wie praktisch, denn das bringt uns endlich zu „Wir sind die Neuen“.

Szenenbild 2

Denn vor allem in Hinsicht auf das Schauspiel kann der Film deutlich positiv überraschen: Auch wenn es zu Beginn noch etwas hölzern anmutet und die jüngere Generation ein wenig besser aufspielen kann, so überzeugen hier doch letztlich alle Darsteller. Was gerade im Falle Heiner Lauterbachs fast schon ein Lob verdient, ist es doch seine vielleicht beste Performance seit Langem. Und diese Leistungen braucht es auch, denn die Handlung konzentriert sich deutlich auf die Charaktere und ihre Interaktion – vielleicht, weil das Budget für mehr als ein besseres Kammerspiel mit zwei Haupt- und zwei Nebenschauplätzen nicht gereicht hat. Immerhin ist die Ausstattung trotzdem sehr gelungen und kann detailreich dekorierte Sets aufweisen, was zusammen mit der angenehm unpiefigen Optik durchaus noch leinwandtauglich ist.

Die Story selbst ist kurzweilig und unterhaltsam erzählt, mit vielen gelungenen Beobachtungen gespickt (allein die Lösung für die ständige Frage, ob man vergessen hat, den Herd auszuschalten, ist schlichtweg genial!) und kann nicht nur mit vereinzelten Brüllern, sondern nicht selten auch mit schönen, leicht melancholischen Nebenklängen punkten. Einzig der ständige Off-Kommentar von Anne stört in seiner übertriebenen Betulichkeit erheblich und erinnert stellenweise  an mittelmäßige Verfilmungen uninteressanter Bücher. Mal ganz davon abgesehen, dass solch ein billiges Mittel zur Darstellung des Innenlebens der Hauptfiguren bei guten Schauspielern wie in dieser Besetzung eigentlich unnötig sein sollte.

Szenenbild 3
Fazit:
Es ist keine Offenbarung, die da mit „Wir sind die Neuen“ auf uns zu kommt, aber ein ungemein unterhaltsamer, stellenweise ganz intelligenter Film mit tadelloser Besetzung ist es trotzdem geworden. Und – für diese Tirade sei noch kurz Zeit -nachdem wir es jetzt endlich hinter uns haben und Weltmeister sind, kann man ja auch mal wieder ins Kino gehen. 7/10 Punkte gibt’s für den Film.
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Über den Author:

MartinLiebt das Kino als natürlichen Lebensraum großartiger Filme, wobei „großartig“ für ihn all das ist, was das Hirn zermartert oder das Herz zerreißt – jeweils im Guten wie im Schlechten und gern auch beides auf einmal. Schwärmt derzeit am liebsten über „Nur ein Tag“, „Genocidal Organ“ und „A Cure for Wellness“ – außerdem immer wieder gern über „La Grande Bellezza“ und „Die Wolken von Sils Maria“.Zeige alle Artikel von Martin →